1.0 Die Bildübersicht

Die Bildübersicht soll eine schnelle und effiziente Zuordnung der Gattungen ermöglichen, ohne ohne den gesamten Weg eines dichotomen Bestimmungsschlüssels gehen zu müssen. Die Auswahl beschränkt sich ausschließlich auf heimische Arten, die auch bevorzugt im bayrischen Raum angetroffen werden können. Den Schwerpunkt der Arbeit bildet die Familie der Pentatomidae, der Baumwanzen. Die übrigen Überfamilien oder Familien werden mit einem mehr oder weniger charakteristischem Exemplar erwähnt, aber nicht näher behandelt. Neben Totalaufnamen der behandelten Baumwanzen werden, soweit möglich, die auffälligsten Merkmale anhand von Detailaufnahmen dokumentiert. Bei systematisch schwierig zu bestimmenden Arten, werden die Fotografien zusätzlich mit Schemazeichnungen ergänzt. Auf Bestimmungsliteratur sollte aber unter keinen Umständen verzichtet werden, da eine rein optische Identifizierung bis auf die Artebene nur selten gelingen wird.

Der Bestimmungsschlüssel lehnt sich an Literaur von Eduard Wagner "Die Tierwelt Deutschlands", 54.Teil - Wanzen oder Heteropteren und Ekkehard Wachmann "Wanzen, beobachrten, kennenlernen", wobei zusätzlich eigene Erfahrungen und Beobachtung in die Beschreibung eingebracht wurden. Die Darstellungen stützen sich auf Adulttiere. Larvenstadien, deren Merkmale noch nicht dem Imago entsprechen, werden nicht berücksichtigt.

Obwohl der Wagener-Schlüssel in manchen Bereichen bereits als überholt gelten kann, so ist er einer der verbreitesten Bestimmungsschlüssel für Heteropteren und soll deshalb auch hier zum Einsatz kommen.

Kritik, Verbesserungsvorschläge und Meldungen interessanter Arten sind erbeten an:

Stefan Scheidl (Konzeption, foto- und informationstechnische Bearbeitung, Merkmalsbeschreibung)

Markus Bräu (Ergänzung Merkmalsbeschreibung, Angaben zu Ökologie und Verbreitung, Lebendfotos)
Freybergstr. 17
85 604 Zorneding

Hinweis: der Schlüssel ist im Internet unter http//home.t-online.de/home/stefan.scheidl zu betrachten oder gegen Schutzgebühr auf CD bei Stefan Scheidl anzufordern.


Das verwendete Bildmaterial unterliegt keinerlei Urheberrechtsbestimmungen und darf nach Rücksprache mit dem Autor frei verwendet werden.


1.1 Die Systematik der Wanzen (Heteroptera)

Systematisch gehören die Heteroptera in die Ordnung der Rhynchota (Hemiptera oder Schnabelkerfen). Diese Gruppe enthält ca. 70000 Arten, zu denen unter anderen alle Wanzen, Zikaden, Blattläuse und Schildläuse zählen. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Stechrüssel, der die Ernährungsgewohnheiten dieser Gruppe festlegt und sie von anderen Ordnungen der Insekten unterscheidet. Die Rhynchota unterteilen sich in zwei Hauptgruppen, die Homoptera (Zikaden, Schild- und Blattläuse) und die Heteroptera (Wanzen), von denen letztere in Deutschland mit ca. 850 verschiedenen Arten vertreten ist. Unter den weltweit ca. 40000 Arten von Wanzen finden sich sowohl eine Mehrzahl von landbewohnenden Arten (Geocorisae), als auch einige wasserlebende Arten (Hydrocorisae). Ein Großteil der Heteropteren lebt dabei von Pflanzensäften (phytophag), einige auch räuberisch (zoophag) von anderen Insekten und Kleintieren. Eine Ausnahme bilden lediglich einige Arten (Cimex, Triatoma), die als Ektoparasiten an Warmblütern leben. Neben der mehr oder weniger willkürlichen Grobunterteilung der Hetreoptera in land- und wasserbewohnende Arten, oder anhand ihrer Ernährungsweise, bietet sich die Einteilung anhand der verwandtschaftlichen Verhältnisse an. Vor allem auf der Grundlage von morphologischen Untersuchungen wird die stammesgeschichtliche Verwandtschaft der einzelnen Wanzengruppen untersucht. Soweit möglich ist dies die Grundlage für eine Klassifikation („phylogenetische Systematik“).

1.2 Morphologie und Lebensweise der Heteroptera

Das Erscheinungsbild der Heteropteren ist sehr variabel ausgestaltet. Dennoch gibt es eine Reihe von typischen Merkmalen, die ausschließlich dieser Ordnung zu Eigen sind. Die wichtigste morphologische Eigenheit der Wanzen, ist der stechend-saugend Mundapparat. Der Stechrüssel ist meist gut sichtbar und erlaubt den Wanzen ausschließlich die Aufnahme von flüssiger Nahrung. Er besteht in der Regel aus einer 3- oder 4gliedrigen Röhre (Labium), die auf der Oberseite eine schmale Längsrinne erkennen lässt. Ihr oberer Teil wird von der kurzen, am Tylus ansitzenden Oberlippe (Labrum) bedeckt. Die mit einem Gelenk abkinckbare Unterlippe stellt das Führungsrohr für die beiden Paare der Stechborsten (Mandibeln) dar. Diese tragen an ihrem Vorderende feine Zähnchen, mit deren Hilfe ein winziges Loch in die Futterpflanze oder das Beutetier gestochen wird. Die Borsten der 1. Maxillen umgrenzen zwei Kanäle, einen etwas breiteren Nahrungskanal und einen dünneren Speichelkanal. Beim Stechvorgang dringen die sonst tief im Kopf verankerten Mandibeln, abwechselnd immer tiefer in die Nahrungsquelle ein, während die inneren Maxillen vorgestoßen werden. Das Labium bleibt stets außerhalb der Nahrung und knickt dabei immer stärker ab. Ein Großteil der Heteroptera lebt dabei von Pflanzensäften (phytophag), einige auch räuberisch (zoophag) von anderen Insekten und Kleintieren. Als ursprünglicher Ernährungstyp wird bei den Wanzen die zoophage Lebensweise angenommen. In der Regel gibt es keine Spezialisierung auf bestimmte Beutetiere. Vielmehr nehmen die meisten Raubwanzen als Beute alles an, was sich bewegt und eine geeignete Größe hat. Bei der Nahrungssuche wird entweder aktiv vorgegangen, das heißt, die Räuber klettern auf Pflanzen umher oder suchen im Bodenstreu nach geeigneter Nahrung, oder sie warten als Lauerjäger, oft mit Fangbeinen ausgestattet, auf vorbeikommende Beutetiere. Eine Spezialisierung der zoophagen Ernährungsweise stellt die haematophage Lebensweise dar. Nur sehr kleiner Teil dieser Gruppe (Cimizidae) hat den Wanzen ihren schlechten Ruf beschert: sie leben als temporäre Ektoparasiten an Warmblütern und sind als Blutsauger berüchtigt (z.B. die Bettwanze). Im Gegensatz dazu steht die pflanzliche oder phytophage Ernährung, die aus der primären Zoophagie hervor gegangen ist. Ein Großteil der pflanzensbesaugenden Heteroptera ernährt sich vom Saft von Blütenpflanzen, nur wenige Arten saugen an Farnen, Moosen oder Pilzhyphen. Hier findet sich sehr häufig eine strenge Bindung an die Wirtspflanze. In der Regel liegt eine Gattungsspezifität vor, seltener eine Anpassung an eine bestimmte Art von Futterpflanzen. So ernährt sich z.B. die Feuerwanze (Pyrrhocoris apterus) von Linden- oder Malvensamen, bestimmte Rindenwanzen (Aradidae) saugen an den Pilzhyphen unter der Rinde von Totholz. Der Übergang zwischen beiden Ernährungsformen erlaubt in der Praxis keine scharfe Trennung. Es finden sich beispielsweise bei den Miridae Larven, die sich wahrscheinlich rein phytophag ernähren, später als Imago jedoch räuberisch leben. Auch stechen viele Raubwanzen gelegentlich Pflanzen an, vermutlich um Wasser und Mineralsalze aufzunehmen. Zu letzt sei noch eine Besonderheit bei Blut- und Pflanzensaft saugenden Wanzen erwähnt: Auf Grund ihrer einseitigen Ernährung sind die Tiere auf bestimmte endosymbiontische Bakterien und Pilze angewiesen. Sie unterstützen den Stoffwechsel ihrer Wirte mit Vitaminen, ohne die eine normale Entwicklung der Wanzen nicht möglich wäre. Die Weitergabe dieser Mikroorganismen, vom Muttertier auf die Nachkommenschaft ist zum Teil sehr kompliziert.

Ein Weiteres morphologisches Merkmal der Wanzen hat dieser Ordnung auch ihren Namen beschert. Der Name Heteroptera bedeutet wörtlich übersetzt etwa soviel wie „Verschiedenflügler“. Betrachtet man die Flügel einer „typischen“ Wanze, so bemerkt man, dass die Flügeldecken nur im vorderen Teil (Corium) sklerotisiert sind. Ihr hinterer Abschnitt (Membran) ist häufig sehr dünnhäutig und oft von systematisch relevanten Adern durchzogen. Man bezeichnet die Vorderflügel charakteristischer Weise auch als Hemielyteren (= Halbdecken). Allerdings trifft dieses Merkmal bei weitem nicht auf alle Wanzen zu, da viel Arten eine Reduktion der Flügel in unterschiedlichen Graden aufweisen. Bei den beflügelten Heteroptera werden die Flügel in Ruhestellung meist waagerecht auf dem Rücken getragen. Beim Fliegen sind Vorder- und Hinterflügel aneinandergekoppelt.
Eine weitere Besonderheit der Heteropteren, ist das Vorhandensein von Duft- oder Stinkdrüsen, die überwiegend als Wehrdrüsen zur Verteidigung benutzt werden. Bei den Adulttieren produzieren sie Sekrete, die in einem unpaaren Reservoir im ventralen Teil des Metathorax gespeichert werden. Über paarige Ausführgänge, bei den Larven meist auf der Oberseite des Abdomen, bei den Adulttieren seitlich am Thorax, kann das Sekret austreten oder sogar ausgespritzt werden. Ihr Sekret verleiht vielen Wanzen einen teils aromatisch-fruchtigen, teils sehr abstoßenden Geruch. Diese sehr intensiv duftenden Sekrete der Wanzen sind äußerst wirksame Kontaktgifte, deren toxische Wirkung auf einer Mischung meist ungesättigter Aldehyde beruht. Nachgewiesen wurden Substanzen wie n-Hexenal, 2-Hexenal, Trans-2-Heptenal, 2-Octenal, 2-Decenal und weitere. Diese Gifte werden durch einen beigemischten Kohlenwasserstoff, dem Tridekan in ihrer Diffusionsgeschwindigkeit deutlich beschleunigt, dass angreifende Insekten in wenigen Minuten durch die Wanzensekrete paralysiert werden können. Treten die Sekrete in das Tracheensystem ein, kann ihre Wirkung bereits nach einigen Sekunden einsetzen und sogar tödlich für das Insekt sein. Die Giftwirkung des Wanzensekrets wird durch viele artspezifische Verhaltensweisen optimiert. So reicht die abstoßende Wirkung einiger Tropfen um Ameisen und kleine Laufkäfer fern zu halten. In anderen Fällen werden die Angreifer gezielt bespritzt. Hierbei nehmen die Tiere eine günstige Körperposition ein, die es ihnen ermöglicht, sowohl gezielte Nahspritzer in einem scharfen Strahl, als auch stark gestreute Weitspritzer zu versprühen. „Schussweiten“ bis 20 cm sollen bereits beobachtet worden sein.

Die meisten Wanzenarten sind ihrer Umgebung farblich gut angepasst. Je nach Wirtspflanze variieren Gestalt, Färbung und Oberflächenstruktur. Seltener finden sich Formen mit schillernden Metallfarben (z.B. Zicrona corulea), vorherrschend sind eher grüne, gelbliche, braune und olive Farbtöne. Eine Variation der Ausfärbung je nach Entwicklungsstadium oder Jahreszeit ist nicht selten. Im Gegensatz dazu stehen prächtig ausgefärbte, auffällige Arten. Nicht selten sind diese Tiere für viele ihrer Fressfeinde ungenießbar, wie die Ritterwanze (Lygaeus equestris), die von ihrer Wirtspflanze bestimmte Herzglykoside aufnimmt. Auch wehrhafte Arten, wie die Raubwanze der Gattung Rhynocoris, signalisieren mit ihrer rot-schwarzen Warnfärbung, dass sie empfindlich Stechen können. Die Kombination von abschreckenden Wehrdrüsensekreten und ausgeprägten Argessionsverhalten verstärken die Signalwirkung der Warntracht bei vielen Wanzen zusätzlich. Andererseits gibt es Formen mit extremer Anpassung an ihre Umgebung. So sind die z.B. Rindenwanzen (Aradidae) durch ihren flachen Körperbau, ihre runzelige Oberfläche, dunkle Farben und Totstellreflex perfekt an ihren Lebensraum angepasst und kaum von der Rinde zu unterscheiden. Ebenso sind viele Arten von Stelzwanzen in ihrem Habitat kaum zu erkennen. Durch ihre Gestalt und ihre trägen Bewegungen verschwinden sie vor dem ähnlich gefärbten und strukturierten Untergrund. Auch einige Raubwanzen profitieren von einer raffinierten Tarnungstechnik. Die Larven der Raubwanzenart Reduvius personatus, die überwiegend innerhalb von Gebäuden anzutreffen ist, tarnt sich mit Hilfe von Staubpartikeln, die sie durch ein klebriges Sekret ihrer Körperoberfläche einfängt. Für potentielle Beutetiere ist der Lauerjäger nicht mehr zu erkennen.

In ihrer Entwicklung gehören die Wanzen zu den Insekten mit unvollständiger Metamorphose. Während der Ontogenese finden nach dem Schlüpfen aus dem Ei, meist fünf auf einander folgende Larvenstadien mit unvollständiger Verwandlung statt. Ein Puppenstadium fehlt völlig. Die Zeitspanne der Entwicklung fällt jedoch je nach Art sehr unterschiedlich aus. Bei der Überwinterung als Imago, was für die meisten Bodenwanzen (z.B. Lygaeidae, Pentatomidae) zutreffend ist, findet die Eiablage im Frühjahr bis Frühsommer statt. Die Larven entwickeln sich über den Sommer zu den geschlechtsreifen Imagines und bilden im Herbst die neue Adult-Generation. Bis dahin sind in der Regel die alten Adultiere abgestorben. Bei Arten, die in Form von Eiern überwintern (z.B. viele Miridae), schlüpfen die Larven im Frühjahr, die dann im Sommer die Adultgeneration bilden, zum Herbst die Eier ablegen und im Winter sterben. Die dritte Form der Überwinterung stellt die larvale Überwinterung dar. Diese Form ist aber nur bei wenigen Arten typisch (z.B. Chilacis typhae) und zählt unter Umständen nur zu einen Nebenzyklus der Adultüberwinterung. Die Dauer der Larvenentwicklung kann zwischen zwei Wochen, bei manchen Miridae, bis hin zu einem Jahr, bei einigen Aradidae, schwanken. Gewöhnlich wird pro Jahr eine Generation durchlaufen, seltener mehr. Die Eiablage erfolgt bei Wanzen, deren Weibchen einen gut ausgeprägten Ovipositor besitzen, indem die Eier in die Erde oder in Pflanzenteile gebohrt werden. Ist der Ovipositor stark reduziert, werden die Eier in der Regel verscharrt oder auf einem geeigneten Substrat, entweder Einzeln oder in Gruppen von 20-30 Eiern angeklebt. Bei einigen Arten (z.B. Elasmurcha grisea) wird richtige Brutpflege beobachtet.

Abbildungen von Peter Adam, Berlin entnommen aus dem Neumann-Neudamm Naturführer, Wanzen – beobachten, kennenlernen von Ekkehard Wachmann, 1989.